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Print-Journalisten entdecken "Das Netz"


By Jannis Moutafis - Posted on 11 Juni 2009

... und sind ziemlich erschrocken. Da hat sich hinter ihrem Rücken ein Monster auf die Hinterbeine gestellt und droht sie mit Haut und Haaren aufzufressen. Das zumindest könnte man glauben, wenn man die aktuelle Debatte über "Das Netz" verfolgt, im Netz und auf Papier. 

Die Debatte über Journalismus und dessen Beziehung zum Internet tobt eigentlich schon länger, nur hat sie angesichts der Wirtschaftskrise und der Restrukturierungsmaßnahmen und Stellenkürzungen in vielen Verlagen an Brisanz gewonnen. Aus einer Debatte um Netzjournalismus und der Frage, welche Rolle er in der Medienlandschaft spielen kann, ist einerseits eine Verteidigungsschlacht um die gedruckte Zeitung geworden (am besten vorgetragen im teilweise brillant geschriebenen SZ-Magazin vom 8. Mai), andererseits ein Frontalangriff gegen "Das Netz". Herausragend waren dabei einige Artikel in der Zeit (siehe Blog-Eintrag vom 31. Mai).

Dass diese Debatte ausgerechnet von der Zeit angeführt wird, ist zugleich verwunderlich und symptomatisch. Verwunderlich weil sich die Zeit seit einigen Jahren sowohl in Print als auch in Online sehr gut schlägt: Wirtschaftskrise hin, Zeitungskrise her, die Auflage ist zum dritten Mal in ihrer Geschichte auf über einer halben Million Exemplare gestiegen und Online klettern die Visits und Page Impressions ebenfalls. Symptomatisch weil die Debatte zeigt, wie tief der Graben zwischen den zwei Sparten auch in einem gesunden Blatt sein kann.

Was an dieser Debatte überrascht, ist mit welcher Selbstverständlichkeit dem "Netz" die Eigenschaften eines Lebewesens zugeschrieben werden, und zwar eines mit miesen Charakterzügen und bösen Absichten. Kostproben: "Das Netz trügt", "Was darf das Netz?", "Das Netz als Feind", "Das Netz muss sich entscheiden!", "Das Netz muss seine Anonymität aufgeben", "Das Netz, bevor es großmäulig über E-Democracy redet ...", "Zivilisiert das Internet!".

Dass "Das Netz" als das, wie es hier dargestellt wird, gar nicht gibt, darüber gab es eine äußerst lesenswerte Kolumne von Christian Stöcker auf Spiegel Online. Woher kommt aber diese Wut auf das Internet? Oder muss man schon von einer Netzphobie sprechen? Meiner Ansicht nach hat sie zwei Ursachen: 

Zum einen ist es schlicht und einfach die Ungewohntheit. Lange Zeit haben Journalisten das Internet einfach nur genutzt. Sie haben gesucht, gefunden recherchiert, gelesen und manchmal vielleicht gechattet oder diskutiert. Eine aktive Rolle darin im Rahmen eines Online-Mediums, als jemand, der Inhalte produziert, Ansichten vertritt und letztere zur Diskussion stellt, sind nur wenige gewohnt. Immer häufiger geraten sie in eine solche Rolle eher unabsichtlich, weil ihr Medium seine Online-Aktivitäten ausbaut, die Inhalte kommentiert werden können – und das auch gemacht wird. Dass manch ein Kommentar den Autor unter der Gürtellinie angreift und keine jugendfreie Sprache benutzt, kommt im Web leider öfter vor als bei Leserbriefen per Post. Die Hemmschwelle ist niedriger und die Anonymität, sofern sie vom Medium bei den Kommentatoren geduldet wird, tut ihr übriges. 

Ist "Das Netz" deswegen ein Ort, wo durchweg raue Sitten herrschen? Ich zumindest kann es nicht bestätigen. Große Websites, Massenmedien, sind wie Fußballstadien. Auch deren Publikum kommt nicht auf Einladung – und aus unterschiedlichen Motiven. Die einen um guten Sport zu genießen, viele um sich die Seele aus dem Leib zu schreien und sich so abzureagieren, manche um zu pöbeln und zu schlägern. Soll man deswegen nicht ins Stadion gehen? Für viele ist das ein Grund. Ich sehe lieber zu, dass mein Platz in sicherem Abstand von den Fankurven ist. Und ich bin sicher, dass auch Journalisten und Verlage bald mit solchen "Fankurven" umzugehen lernen.

Die zweite Ursache ist eine wesentlich ernstere: Es ist die Angst um den Job. Und die ist für leider sehr viele momentan berechtigt. Restrukturierungsmaßnahmen haben derzeit meist eines gemeinsam: Es wird versucht, Print billiger zu gestalten, Print- und Online-Ressourcen zu konzentrieren und einheitlichere Strukturen zu erreichen. Unabhängig davon, wie gut durchdacht einzelne Maßnahmen sind und ob die veränderten Strukturen sich als tragfähig erweisen: Die Verlage machen vom Prinzip her nichts anderes als das, was der Markt von ihnen erwartet. 

Diejenigen Redakteure, die ihren Job nicht verlieren, müssen sich allerdings umstellen. Sie müssen sich mit einem Medium auseinandersetzen, das für viele der Inbegriff von schlechtem, billigen, bestechlichen Journalismus war, sich in in einen Ort begeben, in dem die Grenzen zwischen redaktionellen und bezahlten Inhalten verwischt sind, wo sie schlechte Kompromisse eingehen müssen, was ihre Schreibe betrifft. Für all die kann ich einen Artikel von jemandem empfehlen, der über jeden Zweifel erhaben ist: Heribert Prantl, die Reporter-Legende der Süddeutschen Zeitung. Und für alle Verlagsleiter und Verleger, die glauben, guter (Fach-)Journalismus ist Werbekunden nicht wichtig, einen Artikel meines Ex-Kollegen Brian Fuller. 

 

 

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