You are herep2o Basics / Lesen Sie gern auf dem Bildschirm?

Lesen Sie gern auf dem Bildschirm?


By Jannis Moutafis - Posted on 27 Mai 2009

Diese Frage löst wahrscheinlich bei jungen Leuten, die mit dem Internet aufgewachsen sind, nur verständnisloses Kopfschütteln aus. Auch für die älteren unter uns, die zwar mit Papier groß geworden sind aber seit einer gefühlten Ewigkeit am Computer arbeiten, ist die Frage nicht ganz einfach zu beantworten. Man kann sich nur schwer vorstellen, nicht mehr am Bildschirm zu lesen.

Doch wie sehr ist das, was wir am Computerbildschirm machen, gleichzusetzen mit dem herkömmlichen 'Lesen', das sich auf Papier bezieht?

Eigentlich gar nicht. Besonders wenn der Zeitpunkt des Lesens am Bildschirm während der Arbeitszeit fällt, ist man in einen ganz anderen mentalen Zustand als während der Zeit, in der man eine Zeitung aufschlägt, Fachliteratur oder gar ein Buch liest. Genau genommen hat man bei der Arbeit am Computer etwas ganz anderes vor als zu lesen. Man will arbeiten, und im Rahmen dieser Arbeit braucht man Informationen – möglichst schnell, möglichst direkt, möglichst leicht zu verarbeiten.

Projiziert man diesen mentalen Zustand der Fachzielgruppen während der Arbeit auf die Websites der meisten Fachverlage in Deutschland, kommt man schnell zu dem Schluss, dass es noch viel zu verbessern gibt.

Was eigentlich nicht weiter verwunderlich ist:

  • Das Web ist ein sehr junges Medium, während die ersten Fachverlage schon vor 150 Jahren angefangen haben, auf Papier zu publizieren.
  • Im Gegensatz zu Print gibt es noch keine 'gängigen Methoden'. Die Wissenschaft des Publizierens über das Internet steht ganz am Anfang, ihre Lehrbücher werden gerade erst entwickelt und sind noch weit davon entfernt, allgemeine Gültigkeit zu besitzen.
  • Redaktions-Teams arbeiten nach wie vor mit den Methoden der gedruckten Medien. Nur eine kleine Anzahl von Medien, die sich den Luxus erlauben durfte, Online-Teams zu unterhalten, konnte Erkenntnisse darüber gewinnen, wie Online-Produkte funktionieren. Und die meisten von ihnen haben noch einen langen Weg vor sich bis sie ihre Print- und Online-Teams zu einer crossmedialen Organisation integriert haben.
  • Die Leute an der Spitze von Verlagen, Objekten oder Marken haben meist noch keine Gelegenheit dazu gehabt, ein Verständnis für Online-Medien als Verlagsprodukte zu entwickeln.
  • Zu guter Letzt: Es kommt ständig etwas neues hinzu. Vorgestern waren es die Blogs, gestern das Web 2.0, heute ist es Twitter, und morgen... Möglicherweise werden Kindle und andere E-Book-Reader oder das 'elektronische Papier' die Verlagsbranche in ihren Grundfesten erschüttern.

Was auch immer, viel Zeit bleibt den Verlagen nicht mehr, den Übergang von Papier auf elektronische Medien zu gestalten. Gedruckte Anzeigen, die größte Umsatzquelle der meisten Fachverlage, werden den Marketing-Leitern der meisten Unternehmen langsam zu teuer. Nicht erst seit der Finanzkrise wird Papier von ihnen in Frage gestellt – erst recht, wenn das Geld knapp wird. Dann sind sie noch mehr unter Druck, günstigere und effektivere Mittel zu finden, um ihre Ziele zu erreichen – und landen sehr schnell beim Online-Marketing. Machen sie gute Erfahrungen damit (was meistens der Fall ist), ist der Weg zurück zum Papier umso schwieriger.

Wie ein Verlag davon profitieren kann? Indem er Online-Produkte entwickelt, die von den richtigen Zielgruppen frequentiert werden. Vielleicht sogar 'gelesen'.

 

Share this