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Die Fakten allein reichen nicht


By Jannis Moutafis - Posted on 26 June 2009

Spätestens seit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise hat das große Jammern in deutschen Verlagshäusern begonnen. Die Werbeumsätze, vor allem bei den Zeitungen, gehen noch schneller zurück als zuvor, der Rückgang der Auflagen gewinnt noch mehr an Tempo. Während ersteres die Verleger zu hektischen Konsolidierungsmaßnahmen veranlasst hat, stürzte letzteres Journalisten in eine Sinnkrise. Warum nur?

"Get the facts" – über dieses Motto haben sich Zeitungen jahrzehntelang definiert. Sie waren und sind die Informationsquellen, die das Geschehene wiedergeben, analysieren und kommentieren, vor allem aber wiedergeben. Sie schildern die Fakten.

Nur hat sich durch das Internet etwas sehr entscheidendes geändert: Zum einen gibt es dort inzwischen etliche journalistisch getriebene und deswegen glaubwürdige Quellen, die das Geschehene praktisch in Echtzeit wiedergeben (noch dazu kostenlos), zum anderen verbringen immer mehr Leute immer mehr Zeit im Internet und insbesondere mit der Lektüre besagter Quellen.

Nicht hingesehen

War das alles in den letzten zehn Jahren nicht bekannt? Wurde verheimlicht, dass Sites wie Spiegel Online, sueddeutsche.de, rp-online.de oder gar bild.de Monat für Monat an Visits und Page Impressions zugelegt haben? Und ist man wirklich davon ausgegangen, dass all die Leute, die viel Zeit mit der Informationsbeschaffung im Internet verbringen, am nächsten Morgen unbedingt noch eine Zeitung brauchen, um das am Vorabend in Erfahrung Gebrachte zu verifizieren? Muss man sich wirklich über die Abwanderung der Leser in Richtung Internet wundern?

Etwas ähnliches gab es sogar schon mal, als das Fernsehen aufkam und dem gedruckten Wort das bewegte Bild entgegen setzte. Doch die Delle, die das Internet den Zeitungen eindrückt, ist viel tiefer als die durch das Fernsehen vor vierzig Jahren. Der Grund ist, dass das Internet im Konsum den Zeitungen viel ähnlicher ist als das Fernsehen: keine feste Sendezeiten, kein feste Verweildauer, stattdessen kann man sich vom eigenen Interesse treiben lassen und dabei inhaltlich fast beliebig in die Tiefe gehen.

Dass man als Zeitungsjournalist bei diesen Gedanken die Krise kriegen kann, ist nur verständlich. Allerdings sollte man dann bitte auch die richtige Krise diskutieren. Was momentan (viel zu häufig) an die Wand gemalt wird, ist das Ende des Journalismus – weil allzu selbstverständlich Journalismus mit dem Format "Zeitung" gleichgesetzt wird. Und schuld daran, wenn es passiert, wird natürlich "das Internet" sein. Weil im Internet so etwas wie Journalismus gar nicht stattfinden kann.

Eine neue Rolle

Dass das nicht so ist und dass auf gedrucktem Papier genauso viel Schund zu finden ist wie im Netz, darüber gibt es nicht viel zu diskutieren. Lieber sollte man die Kollegen auf die richtige Krise hinweisen, nämlich die des Formats "Zeitung". Und auf die Tatsache, dass es womöglich nicht mehr reicht, seine Rolle als Medium künftig genauso zu spielen wie bisher.

In einer Diskussion zu diesem Thema neulich wurde festgestellt, dass es mehr Zeitungen wie Die Zeit geben sollte. Was ist damit gemeint? Die Zeit beschäftigt sich mit der Aktualität auf einer anderen Ebene, der analytischen und kommentierenden – und hat gerade jetzt sehr viel Erfolg damit. In Zeiten, in denen es die reine Information im Überfluss gibt, haben Menschen das Bedürfnis, diese Informationen zu verstehen und einzuordnen.

Zwar kann nicht jede Tageszeitung von heute auf morgen ihr Konzept auf diese Weise radikal verändern, womöglich auch ihre Erscheinungsfrequenz und ihr Geschäftsmodell. Über diesen Trend nachzudenken und darüber, wie das eigene Blatt einer veränderten Erwartungshaltung seiner Leser entsprechen kann, könnte sich allerdings schon lohnen. Zumindest mehr, als über das Ende des Journalismus zu lamentieren.

"Fakten, Fakten, Fakten"? Helmut Markwort sollte sich vielleicht langsam nach einem anderen Slogan suchen ... 

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