You are hereBlogs / Jannis Moutafis's blog / Das Sterben der alten Medienwelt – Phase 2 und 3

Das Sterben der alten Medienwelt – Phase 2 und 3


By Jannis Moutafis - Posted on 16 July 2009

Die Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross ist 1969 durch ein Buch mit dem Titel "On Death and Dying" berühmt geworden. Das Buch ist heute ein Standardwerk der Psychiatrie, denn es beschreibt sehr genau die Phasen, die ein Mensch bei einem sich ankündigenden Verlust durchläuft. Demnach dürfte sich der seelische Zustand die Medienszene, insbesondere der Gattung "gedruckte Zeitung", derzeit irgendwo zwischen Phase 2 und 3 befinden.

Die fünf Phasen der Trauer, die sich eigentlich auf jede Art Krise oder Verlust übertragen lassen, sind: 

  • Nichtwahrhabenwollen und Isolierung (Denial)
  • Zorn (Anger)
  • Verhandeln (Bargaining)
  • Depression
  • Akzeptanz

Lange Zeit wollte die Medienwelt, wie wir sie aus dem zwanzigsten Jahrhundert kennen, die Existenz elektronischer Medien überhaupt nicht wahr haben. Online, das hatte etwas mit Geeks, Freaks, Spinnern und überhaupt mit Leuten zu tun, die ein seltsames, unverständliches Dialekt sprachen, aber weiß Gott nichts mit richtigen Medien und schon gar nichts mit "Qualitätsjournalismus". Online, das sind bestenfalls Klatschmeldungen und Promi-Bildergalerien, aber mit Sicherheit nichts, was sich mit der Qualität einer richtigen Zeitung vergleichen ließe.

Bis sich eines Tages die Meldungen über das Zeitungssterben in den USA, die Krise auf dem Anzeigenmarkt hierzulande, bröckelnde Auflagezahlen und Massenentlassungen in den Redaktionen nicht mehr zu übersehen, überhören und überlesen waren.

Und wer ist daran schuld? Richtig – dieses Internet mit all seinem Schmutz und Schund, Bloggern, Twitterern, Päderasten und sonstigem Gesindel. Sie sind es, die unsere über Jahrzehnte bewährten Qualitätsmedien bedrohen mit ihrer "Kostenloskultur" und diesem Google, das die Schlagzeilen sorgfältig recherchierter Meldungen dazu missbraucht, um die große Kohle zu verdienen und sich um geistiges Eigentum einen feuchten Kehricht schert.

Zorniger geht es kaum: "Das Netz trügt", "Was darf das Netz?", "Das Netz als Feind", "Das Netz muss sich entscheiden!", "Das Netz muss seine Anonymität aufgeben", "Das Netz, bevor es großmäulig über E-Democracy redet ...", "Zivilisiert das Internet!"

Jetzt wird verhandelt

Seit Hubert Burdas Forderung, Google möge doch für die Verwendung der Schlagzeilen an die Verlage Gebühren bezahlen, spätestens aber seit der letzten Ausgabe der ZEIT, ist Phase 3 eingeläutet worden. Eine Art Marschallplan für Qualitätsjournalismus wird da gefordert, unterstützt durch öffentlich-rechtliche Gebühren oder eine "Kultur-Flatrate". Dadurch soll die Versorgung von Deutschland mit Qualitätsmedien gesichert werden. Und die kann es freilich nur "im Geiste der gedruckten Presse" geben.

Was uns der Artikel nicht verrät, ist nach welchen Kriterien Qualitätsmedien identifiziert werden sollen. Soll es etwa einen TÜV für Qualitätsjournalismus geben? Würde es eine Obergrenze geben für die Menge an heißer Luft, die ein Qualitätsmedium absondern darf? Und würden Online-Medien wie Spiegel Online oder sueddeutsche.de hier glatt durchfallen?

Da diesem Land noch zwei Monate Wahlkampf bevorstehen bin ich sehr gespannt, wer sich zum Retter des Zeitungswesens berufen fühlen wird. Die Wähler werden es ihm danken – wie die erfolgreiche Rettung von Opel und Quelle.  

Share this